Tsunami im Justizdienst

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RR Freitag, 4. April 2025 von RR

DJG: Die Einführung der elektronischen Akte (eAkte) und neuer Anwendungen künstlicher Intelligenz wirbelt den Justizalltag durcheinander.

Digitaler Tsunami im Gerichtsdienst – Fortschritt über unsere Köpfe hinweg?

„Es wird wieder über unsere Köpfe hinweg entschieden.“ – Dieser Satz eines Justizbeschäftigten bringt auf den Punkt, was viele in den Gerichten und Staatsanwaltschaften Baden-Württembergs derzeit empfinden. Die Einführung der elektronischen Akte (eAkte) und neuer Anwendungen künstlicher Intelligenz wirbelt den Justizalltag durcheinander. Was als technischer Fortschritt gefeiert wird, entpuppt sich für viele Beschäftigte als Belastung: instabile Technik, steigender Druck und fehlende Mitsprache sorgen für Frust – und machen deutlich, dass der digitale Wandel nicht ohne die Menschen vor Ort funktionieren kann.

Glänzende Visionen vs. harter Justizalltag

Während Ministerien und IT-Abteilungen die eAkte als Erfolg feiern, erleben viele Beschäftigte im Arbeitsalltag ein ganz anderes Bild: unzuverlässige Software, instabile Netzwerke und unnötige Mehrarbeit prägen den Büroalltag. Anstatt Prozesse zu vereinfachen, erzeugt die Technik neue Hürden – und statt Aktenbergen entstehen nun digitale Rückstaus. Die Betroffenen fühlen sich im Stich gelassen – vor allem, weil ihre Hinweise und Erfahrungen nicht in die Planung einbezogen wurden.

Überlastung – Wenn Entlastung zum Stressfaktor wird

Schon vor der Digitalisierung war die Justiz am Limit – mit der eAkte steigt die Belastung weiter. Doppelstrukturen, technische Störungen und mangelhafte Abläufe führen zu Mehrarbeit und Überstunden. Die Digitalisierung wird nicht zur Entlastung, sondern zur zusätzlichen Last – und in einigen Fällen sogar zur Gesundheitsgefahr.

Störanfällige Technik – Zwischen Crashs und Chaos

Zahlreiche Justizmitarbeiter*innen berichten von abstürzenden Programmen, nicht reagierenden Systemen und frustrierenden Klickorgien. Statt Effizienz herrscht häufig Chaos – und die Benutzerfreundlichkeit lässt zu wünschen übrig. Die Technik sollte helfen – stattdessen hemmt sie oft und sorgt für Verunsicherung bei den Beschäftigten.

Fehlende Qualifizierung – Alleingelassen im Technik-Dschungel

Viele Beschäftigte wurden auf die Einführung der eAkte unzureichend vorbereitet – oft fehlte die Zeit für Schulungen, häufig blieben sie ganz aus. Insbesondere ältere Kolleg*innen fühlen sich im Umgang mit der neuen Technik alleingelassen. Ohne gezielte Fortbildung drohen nicht nur Fehler, sondern auch langfristige Frustration und Rückzug aus dem Veränderungsprozess.

Beteiligung? Fehlanzeige!

Obwohl die Beschäftigten täglich mit der neuen Technik arbeiten müssen, wurden sie in vielen Fällen kaum oder gar nicht einbezogen. Entscheidungen über Software, Abläufe und Zeitpläne wurden oft „von oben“ getroffen – an der Praxis vorbei. Diese Missachtung der Erfahrung und Kompetenz der Justizmitarbeiter*innen ist nicht nur frustrierend, sondern auch einer der Hauptgründe für die Probleme in der Umsetzung.

Arbeitsplatzängste im KI-Zeitalter

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Justiz verspricht Entlastung – birgt aber auch die Gefahr, Arbeitsplätze langfristig überflüssig zu machen. Besonders Fachkräfte in mittleren Funktionen befürchten, dass ihre Tätigkeiten künftig automatisiert werden könnten. Ohne klare Zusagen und Schutzregelungen wächst die Unsicherheit – dabei wäre es möglich, KI zur echten Unterstützung zu machen, wenn Transparenz und Mitbestimmung garantiert sind.

Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Druck – der Schlüssel zum Erfolg

Nur durch aktives Eingreifen konnten Personalräte und Gewerkschaft bereits Verbesserungen durchsetzen – von besseren Schulungen bis zur Verschiebung fehlerhafter Einführungstermine. Damit der digitale Wandel gelingt, braucht es verbindliche Dienstvereinbarungen, Notfallpläne bei IT-Ausfällen und echte Mitsprache bei der Auswahl neuer Systeme. Die DJG-BW wird weiter laut bleiben – für gerechte, praxistaugliche und humane Arbeitsbedingungen im digitalen Justizdienst.

Fazit: Digitalisierung mit den Menschen gestalten

Digitalisierung kann die Justiz verbessern – aber nur, wenn sie die Beschäftigten mitnimmt und nicht überrollt. Technik muss den Menschen dienen, nicht umgekehrt. Die DJG-BW macht sich stark für eine Digitalisierung, die funktioniert, entlastet und von denjenigen mitgestaltet wird, die sie am meisten betrifft: den Justizangehörigen.

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